Das Himmelbett als Heilsversprechen

Die Einführung der neuen Businessclass auf Langstreckenflügen erfolgt auch bei Swiss nur etappenweise

Das Beispiel Swiss zeigt: Die propagierte Umrüstung der Langstreckenflotte bringt zwar einen verbesserten Komfort. Doch ist diese Übung so kostenintensiv, dass sie bloss in Etappen erfolgt und wohl erst im zweiten Semester 2011 fertig sein wird.

Das Ankündigungs-Marketing ist in zahlreichen Branchen längst zu einem beliebten Instrument im Kampf um Gunst und Aufmerksamkeit der Kunden geworden. Nicht ganz unproblematisch ist es indes, wenn im Extremfall Produktverbesserungen und Neuheiten Monate und Jahre zum Voraus kommuniziert werden, deren Einführung aber dann erst viel später und zudem nur stufenweise erfolgt, wie dies bei der Businessclass verschiedener Fluggesellschaften der Fall ist. Da müssen die Airlines einen schwierigen Balanceakt bewältigen. Einerseits gilt es, die Konkurrenz mit noch attraktiveren Features zu übertrumpfen, andererseits muss man argumentativ Enttäuschungen vorbeugen, wenn potenzielle Interessenten erst nach der Buchung realisieren, dass ihr gewähltes Flugzeug noch gar nicht entsprechend ausgerüstet worden ist.
In über einem Jahr so weit «Sukzessive Produkteinführungen sind tatsächlich eine Herausforderung», gesteht Markus Binkert, Head of Product & Services bei Swiss, dazu ein, «deshalb haben wir im Vergleich zu andern Airlines eine sehr schnelle Einführung (A330-300) bzw. Umrüstung (A340) vorgenommen.» Momentan werden 10 Swiss-Langstrecken-Destinationen mit der neuen Businessclass angeflogen und ab der zweiten Jahreshälfte 2011 dann sämtliche Ziele.
In der Übergangsphase, so wird geraten, setze man sich am besten via Reisebüro oder Internet ins Bild. Swiss kommuniziert die Umrüstung jeweils drei bis vier Monate im Voraus, insbesondere in den jeweiligen Auslandmärkten. Ab diesem Zeitpunkt ist das neue Produkt auch in den Reservierungssystemen ersichtlich. Nach welchen Kriterien aber hat Swiss die neue Businessclass gestaltet? Laut Binkert war von Beginn weg klar, «dass es bei Einführung eines wirklich innovativen Langstrecken-Sitzkonzeptes ein echtes, horizontal flaches Zwei-Meter-Bett braucht.»
Basierend auf zahlreichen Kunden-Feedbacks wurde dann das Produkt bezüglich Komfort, persönlichen Freiraums und Design weiter optimiert. Nun entwickelt es sich laut Binkert zum eigentlichen Paradepferd. Der Sitz lässt sich völlig waagrecht stellen, wobei das über die ganze Länge sich erstreckende Luftkissen dem Reisenden die stufenlose Regulierung zwischen hartem Futon und weichem Himmelbett erlaubt.

Zum Komfort trägt ebenfalls die integrierte Massagefunktion bei, ferner die zusätzlichen Ablageflächen, der iPod-, USB- und Stromanschluss (110 Volt) sowie die bequeme Erreichbarkeit der meisten Sitze direkt vom Gang aus. Neben diesen leicht realisierbaren Features geht die Umrüstung der Swiss-
Flotte indes weit über den blossen Austausch von Sitzen hinaus. Es gilt nämlich, auch Schnittstellen und Übergänge zu Galleys, zu technischen Installationen wie etwa dem Inflight-Entertainment-System sowie zu Stauräumen durch Anpassungen sicherzustellen.
Erstaunlicherweise erfordert aber der eigentliche Umbau pro Maschine nur rund zwei Wochen. Wirtschaftliche Bedeutung Über die – beträchtlichen – Kosten der neuen Businessclass schweigt sich Swiss aus, betrachtet Geschäftsreisende und andere Businessclass-Kunden jedoch gemäss eigener Aussage als «zentral für den wirtschaftlichen Erfolg». Ohnehin handelt es sich bei dieser Aufrüstung um eine langfristige Investition mit mehrjährigem Planungshorizont. Zwar tangieren die derzeitigen Wirtschaftsturbulenzen auch die Airlines und zwingen sie zu Ausgabenreduktionen, aber Swiss stoppt die strategischen Investitionen explizit nicht.
Dem Kunden – so das Kalkül der Swiss-Strategen – bietet sich bei generell sinkender Nachfrage eine noch grössere Auswahl an Fluggesellschaften. Da will und muss man mit Sonderleistungen punkten. Momentan registriert Swiss eine – wenn auch zögerliche – Nachfragebelebung im Businessclass-Segment. Andere
angefragte Airlines melden einen gleichlautenden Trend. Beispielsweise Singapore Airlines. Laut deren Verkaufsleiter Bruno Walder ist die Businessclass
im neuen A380 zwischen Zürich und Singapur «oft sehr gut gebucht ». Weshalb man daran denke, das Upper Deck künftig ausschliesslich mit Businessclass-Sitzen auszustatten.
Während also die SIA stark auf dieses edle Pferd setzt, propagiert hingegen KLM verstärkt die kürzlich geschaffene Economy-Comfort, die auf Langstreckenflügen mehr Beinfreiheit zu einem nahe beim Economy-Tarif angesiedelten Preis anbietet. Swiss wiederum bleibt laut Markus Binkert im Grundsatz beim vertrauen Dreigestirn «First, Business und Economy». Eine zusätzliche Klasse sei mittelfristig nicht geplant, jedoch beobachte man genau, wie sich die Kundenbedürfnisse auf der Langstrecke entwickelten.