Zeitreise und Lebensfreude in Manila

Die Hauptstadt der Philippinen widerspiegelt die starken Kontraste des Inselstaates. Für die Touristen ist es die preiswerteste und freundlichste Destination in ganz Südostasien. Und erst noch voller Ueberraschungen und Zeitzeugen vergangener kolonialer Grandezza.

Fernando runzelt die Stirn. «Sie wollen wirklich in die Altstadt von Manila? Was gibt es dort schon zu sehen?» Der weisshaarige Taxichauffeur zögert einen Augenblick, als wir ihm einen Zettel hinstrecken mit dem Fahrziel Intramuros. Doch wir beharren darauf, obwohl es von Manilas modernem Geschäftsviertel Makati aus fast eine Stunde Fahrt bedeutet. Nach dem Durchqueren mehrerer heruntergekommener Viertel landen wir unvermittelt im Herzen von Old Manila, das von wuchtigen Mauern beschützte historische Zentrum namens Intramuros, zu Deutsch «innerhalb der Mauern». Wo sich hier in der philippinischen Hauptstadt während der spanischen Kolonialzeit der Sitz der Kolonialverwaltung befand, drehen heute Pferdekutschen ihre Runden und warten auf Touristen.

Aus der Zeit gefallen

Was einst den katholischen Eroberern Schutz vor muslimischen Einheimischen und chinesischen Piraten bot, wirkt heute angenehm verschlafen und aus der Zeit gefallen. Doch plötzlich dröhnt schmissige amerikanische Bigbandmusik aus riesigen Lautsprechern durch die weitläufigen Parks mit splendid angelegter Gartenarchitektur. Einer der Wächter, der Eintrittstickets zu umgerechnet 50 Rappen verkauft, tanzt im Rhythmus mit und wünscht uns ebenfalls einen beschwingten Tag. Intramuros lohnt einen Besuch, auch für regelmässige Besucher der ausufernden Megacity. Metro Manila zählt mittlerweile rund 20 Millionen Einwohner! Intramuros befindet sich teilweise in erbärmlichem Zustand, immer noch mit Spuren der weitgehenden Zerstörung während des Zweiten Weltkrieges durch die Japaner und die Alliierten behaftet, doch plötzlich steht man vor prächtig restaurierten Gebäuden.
Das gleiche kontrastgeladene Bild auch in der Umgebung: Ruinen neben Architekturjuwelen aus dem 18. und 19. Jahrhundert, Slums neben geschniegelten und bewachten Villenquartieren. Und immer wieder gewaltig dimensionierte Kirchen und Kathedralen, die auf die grosse Religiosität der Filippinos verweisen. In den Antiquitätengeschäften findet man denn auch zahlreiche aus Holz geschnitzte Heiligenfiguren in unterschiedlicher Grösse, sogenannte Santos. Die meisten der heute angebotenen Figuren stammen aus den sechziger und siebziger Jahren und sind künstlerisch unbedeutend, während demgegenüber die Kathedrale von Manila wertvolle Reliquien und Keramiken beherbergt und etwas vom einstigen Glanz kolonialer Herrlichkeit und Machtentfaltung bewahren konnte. Auch deshalb, weil es sich beim 1587 bis 1606 im pompösen Barockstil erbauten Sakralbau um das einzige Gebäude in Intramuros handelt, das 1945 der verheerenden Schlacht um Manila entgangen ist.
Trotz zahlreichen andern Religionsgemeinschaften bekennen sich auch heute noch über 80 Prozent der Bevölkerung zum katholischen Glauben und praktizieren ihn. Ehrfurchtsvoll betrachten wir in der riesig anmutenden Kathedrale die religiösen Preziosen und Hinterlassenschaften der spanischen Konquistadoren; doch im angeschlossenen Museum ist das Fotografieren nicht erlaubt, wird einem ständig eingebläut.

Der allgegenwärtige José Rizal

Eingeschüchtert von der ungewohnten Einforderung von Disziplin verlassen wir den kühlen Ort und gehen zu Fuss in den nahe gelegenen Rizal Park, benannt nach dem Nationalhelden José Rizal. Die grüne Lunge inmitten des brodelnden Strassenverkehrs hat mit einer Fläche von 60 Hektaren gigantische Ausmasse und dient der Bevölkerung als beliebter Zufluchtsort und Treffpunkt. Abends allerdings sollte man den Rizal Park meiden, da dann auch lichtscheue Elemente auftauchen. Tagsüber allerdings besteht keine Gefahr, zumal überall Wachen patrouillieren. Mit blitzblanken Kaleschen kann man sich stilvoll herumkutschieren lassen, chinesische und japanische Gärten besuchen, in den Museen einen Crashkurs in der wechselvollen Geschichte der Philippinen absolvieren und sich an einer erfrischenden Glace gütlich tun.

Versöhnliche Mentalität

Wenn man Manila verlässt, stösst man immer wieder auf die Hinterlassenschaft von Ferdinand Marcos, der das Land von 1965 bis 1986 als zehnter Präsident regierte. Mit eiserner Faust und ab 1972 mit Kriegsrecht etablierte er eine blutige Diktatur und bescherte dem Land ein negatives Image, unter dem es bis heute leidet. Doch unbesehen dieses schwarzen Kapitels zeigen sich die Filippinos erstaunlich versöhnlich. Anders wäre es nicht möglich, dass die ehemalige Präsidentengattin Imelda Marcos sowie ihre Kinder wichtige politische Aemter bekleiden und von einem Teil der Bevölkerung nach wie vor respektiert und als Heilsbringer betrachtet werden. Die Marcos-Familie hat 2006 eine Modemarke kreiert und in Manila (Distrikt Marikina) ein Schuhmuseum errichtet, in dem ein Teil der über 1000 Paare umfassenden Sammlung der früheren First Lady ausgestellt wird.

Peninsula als Meeting Point

Im Herzen des gediegenen Geschäfts- und Bankenviertels Makati treffen wir den Auslandschweizer Oliver Dudler, der als Hotel Manager im Peninsula Manila fungiert, einer der besonders schicken Adressen mit 500 Zimmern und über 800 Angestellten. «Ich schätze die heitere und aufgestellte Mentalität der Filippinos», meint er im Gespräch. Momentan arbeiten vier Schweizer im Hotel, das sich im Herzen des Businessdistrikts Makati befindet. Wer Heimweh hat, findet im Hotel neben erstklassigem Service echte Schüblig und zum Frühstück Birchermüesli und Schweizer Käse. Und dann gibt es noch den Schweizer Zündhölzli-Club, der sich seit 34 Jahren jeden Donnerstag im Pen zum Mittag-essen trifft. Ueberhaupt stösst man in Manila auf eine starke Schweizer Präsenz – vor allem bedingt durch die hier tätigen Handelsgesellschaften und den Nahrungsmittelmulti Nestlé. Und alle sind sie stolz auf «ihr» Hotel unter Schweizer Flagge, zumal das Peninsula Manila heuer das 35-jährige Bestehen feiert und dazu speziell günstige Packages geschnürt hat.
Oliver Dudler ist mittlerweile ein richtiger Manila-Insider geworden. «Wie in allen Grossstädten gibt es auch in Manila gute und weniger gute Quartiere. Letztere sollte man meiden und sich auch nicht unbesehen auf Fremde einlassen, selbst wenn sie anfänglich hilfsbereit erscheinen. Mit Menschenverstand und Fingerspitzengefühl sollte man aber keine Probleme haben.»

Verdiente Morgenröte

Makati hat sich in den letzten Jahren als eigentliche Keimzelle der ökonomischen – und teilweise moralischen – Renaissance der Philippinen etabliert und ist zum Hoffnungsträger einer Nation geworden, die allzu lange von Korruption, Misswirtschaft und Schlendrian der öffentlichen Hand gebeutelt worden ist. Desto mehr gönnt man der Bevölkerung die Morgenröte. By the way: Nirgendwo sonst kann man in ganz Asien so preiswert und entspannt Ferien machen und fühlt sich echt willkommen.
Der Gast absolviert eine eindrückliche Zeitreise in die koloniale Vergangenheit – und ist fast etwas beschämt darüber, welche Lebensfreude und welcher Zukunftsglaube ihm überall entgegenschlagen. Da soll man sich eine Portion davon abschneiden für den helvetischen Hausgebrauch.
Das mit 94 Millionen Einwohnern zweitgrösste Land Südostasiens präsentiert einen verwirrenden ökonomischen Datenkranz. Einerseits ist das durchschnittliche Wachstum des Bruttoinlandproduktes der Philippinen von real 4,3 Prozent zwischen 2006 und 2009 bemerkenswert und wird noch getoppt durch das letztjährige Rekordplus von 7,3 Prozent; gleichzeitig jedoch ist auch die für 2006-2009 ausgewiesene Armutsquote gestiegen, wenn auch nur marginal (von 26,4 auf 26,5 Prozent). Der Anteil der Bevölkerung mit einem Einkommen von weniger als 1 Franken pro Tag (!) dürfte also trotz wirtschaftlicher Dynamik zugenommen haben.

Hoffnung auf einen Neustart

Wer allerdings die Philippinen kennt und regelmässig dorthin reist (wie der Schreibende), ist nicht wirklich erstaunt über diese scheinbare Diskrepanz. Denn momentan boomen insbesondere kapitalintensive Industriesektoren mit qualifizierten Arbeitsplätzen; zudem findet der Aufschwung vor allem in den Städten und nicht auf dem Land statt; und schliesslich wirkt sich die schwache Transportinfrastruktur im 7000- Insel-Staat als weiterer Hemmschuh aus.
So besteht – diesmal durchaus berechtigt – Hoffnung auf einen effektiven Neustart. Denn die neue Administration unter Präsident Benigno Aquino will das Steuer herumreissen und die breite Bevölkerung stärker als die Vorgängerregierungen an die reich gefüllten Ressourcen-Tröge heran- und sie an der globalen Wiedergenesung teilhaben lassen. Noch ist es zu früh für eine Leistungsbilanz des neuen Präsidenten (und Sohn der ehemaligen Präsidentin Corazon); doch an dessen Aufrichtigkeit zweifelt niemand.
Ebenso unbestritten sind ferner die naturgegebenen Vorteile der Philippinen – reiche Bodenschätze, üppige Vegetation, wunderschöne Strände, ein liebenswürdiger Cross-Culture-Mix der indigenen Bevölkerung. Und – gewissermassen als Zugabe – eine koloniale Vergangenheit, die dem Land starke Verbindungen zu den USA wie auch der Alten Welt – lies Spanien – beschert und so seine Verankerung in einer weltumspannenden Gemeinschaft aufs Schönste exemplifiziert.